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Offener Brief des WHN zur Stellungnahme der Leopoldina „Postinfektiöse Erkrankungen – Versorgung, Dateninfrastruktur, Forschung und Prävention“

Betreff:

Prävention muss vor der Infektion beginnen – technische Infektionsprävention als zentraler Bestandteil einer Strategie gegen postinfektiöse Erkrankungen

Sehr geehrte Mitglieder der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina,

sehr geehrte Verantwortliche in Politik und Gesundheitswesen,

sehr geehrte Kolleginnen und Kollegen,

das World Health Network (WHN) begrüßt die Stellungnahme der Leopoldina vom Oktober 2026 und insbesondere die Forderung, die „Nationale Dekade gegen Postinfektiöse Erkrankungen“ zugleich zu einer Dekade der Prävention zu machen. Die Folgen von Infektionen werden noch immer unterschätzt. 

Ende 2025 lebten in Deutschland über 1,4 Millionen Menschen mit *Long COVID* und/oder *ME/CFS*. Vor der Pandemie waren schätzungsweise 400.000 Menschen von ME/CFS betroffen. Die Zahl der Erkrankten ist erheblich gestiegen und ohne wirksame Prävention werden weiterhin viele Neuerkrankungen hinzukommen. Das WHN hält daher die konsequente Umsetzung von Präventionsmaßnahmen für alternativlos.

Impfungen allein reichen nicht.

Die Leopoldina fordert, COVID-19-Neuerkrankungen und deren Folgen zu verhindern, konzentriert sich bei der Prävention jedoch überwiegend auf Impfungen, Medikamente und individuelle Risikofaktoren.

Wir begrüßen die Forderung, COVID-19-Impfungen über die STIKO-Empfehlungen hinaus zu prüfen. Impfungen und Auffrischungen können das Risiko für Long COVID und Hospitalisierungen senken. Während gegen die Delta-Variante fast 70 % der Bevölkerung geimpft waren, sind aktuell nur rund 5 % gegen eine Omikron-Variante geimpft. Das ist zu wenig, um bestmöglich präventiv wirken zu können. Die bestehenden STIKO-Empfehlungen und mangelnde Aufklärung der Bevölkerung erschweren eine breite Anwendung. 

Für viele weitere Erreger postinfektiöser Erkrankungen gibt es keine zugelassenen Impfstoffe. Ferner erzeugen z. B. die verfügbaren Impfstoffe gegen SARS-CoV-2 und Influenza keine dauerhafte Immunität und Impfungen müssen regelmäßig aufgefrischt werden. „Vax and relax“ allein ist ohne einfachen Zugang zu den Impfstoffen keine tragfähige Langzeitstrategie. In anderen Ländern ist die COVID-Impfung kostenlos; in Frankreich z. B. steht sie grundsätzlich allen offen, in Österreich wird sie allgemein ab 12 Jahren empfohlen.

Saubere Innenraumluft ist Infektionsprävention.

Die Leopoldina erwähnt Masken und Raumluftfilter lediglich im Zusammenhang mit vulnerablen Patientengruppen. Das ist begrüßenswert, aber aus Sicht des WHN müssen Innenraumluftqualität und -hygiene eine eigenständige Säule der Primärprävention bilden. Gesunde Innenraumluft erfordert angemessene Temperaturen und Luftfeuchtigkeit sowie niedrige CO₂-, Feinstaub- und Pathogenkonzentrationen.

Angesichts zunehmender Hitzewellen müssen Gebäude klimasicher gebaut und saniert werden. Dies gilt besonders für Schulen, Pflegeheime und Krankenhäuser. Hierfür braucht es Klimaanlagen, Lüftungs- und HEPA-Filtersysteme mit Wärmerückgewinnung, gegebenenfalls ergänzt durch keimtötende UV-Verfahren wie Upper-Room-UVC und perspektivisch Far-UVC. 

Eine integrierte Umsetzung dieser technisch verwandten Maßnahmen ist in der Regel wirtschaftlicher als getrennte Einzelmaßnahmen. Belgien hat bereits 2022 gesetzliche Vorgaben zur Verbesserung der Innenraumluft beschlossen, die ab 2027 schrittweise greifen: Sowohl staatliche als auch gewerbliche Betreiber öffentlich zugänglicher Innenräume (z. B. Schulen, Büros, Restaurants) sind verpflichtet, ihre Innenraumluft durch Maßnahmen zu verbessern. 

In Deutschland gibt es bislang nichts Vergleichbares. Es braucht eine Überwachung der Raumluftqualität (Temperatur, Luftfeuchtigkeit, CO₂-Gehalt, Feinstaub/Pollen/Viren) und verbindliche, überprüfbare Standards. Diese Maßnahmen schützen viele Menschen gleichzeitig, ohne ihren Alltag einzuschränken und stärken zusätzlich die Widerstandsfähigkeit gegenüber Klimawandelfolgen wie Waldbränden und Hitzewellen.

Sie ergänzen Impfungen, Medikamente und individuelles Verhalten, statt mit ihnen zu konkurrieren. Da Long COVID auch Kinder betrifft und ihren Alltag, ihre Bildung und Entwicklung erheblich beeinträchtigen kann, tragen wir als Gesellschaft die Verantwortung, primär in Bildungsstätten für saubere, gekühlte Innenraumluft zu sorgen. Zudem müssen die für Kinder zugelassenen Impfstoffe in ein jährliches Impfschema überführt werden.

Prävention und Aufklärung müssen bevölkerungsbezogen gedacht werden.

Die Leopoldina räumt ein, dass individuelle Long-COVID-Risiken bislang nur eingeschränkt abschätzbar sind. Laut RKI entwickeln 10–15 % der mit SARS-CoV-2 infizierten Erwachsenen Long-COVID-Symptome, auch nach leichten oder asymptomatischen Verläufen. Prävention darf sich deshalb nicht auf bekannte Risikogruppen beschränken. Bevölkerung und Wirtschaft tragen bereits heute die Kosten fehlender flächendeckender Impf- und Raumluftstrategien.

Wir fordern daher eine bevölkerungsweite Verhältnisprävention mit folgenden Maßnahmen:

  1. Freier Zugang zu Impfungen: SARS-CoV-2-Impfungen müssen allgemein und kostenlos verfügbar sein, auch über Arbeitgeber und Arztpraxen.
  2. Gesundes Innenraumklima: Schulen, Kitas, Gesundheitseinrichtungen, Arbeitsstätten und öffentliche Gebäude benötigen wirksame Lüftungs-, Filter- und Kühlsysteme zur Reduktion infektiöser Aerosole und gesundheitsschädlicher Belastungen.
  3. Prävention als gesellschaftlicher Standard: Die Innenraumluftqualität muss wie bei Trinkwasser und Arbeitsschutz gesetzlich verankert, überwacht und unabhängig von individuellen Risikoeinschätzungen gewährleistet werden.
  4. Verbindliche Aufklärung über Infektionsrisiken: Die Bevölkerung muss verständlich über Übertragungswege, postinfektiöse Risiken und wirksame Schutzmaßnahmen informiert werden. 

Die Nationale Dekade muss auch eine Dekade der Primärprävention werden.

Das WHN unterstützt die Forderungen der Leopoldina nach besserer Versorgung, systematischer Datenerhebung, Forschung und Impfstoffentwicklung ausdrücklich. Wirksame Therapien werden für die bereits Erkrankten dringend gebraucht. Ziel darf aber nicht allein sein, die Folgen immer besser zu behandeln. 

Die wirksamste Prävention postinfektiöser Erkrankungen ist, Infektionen gar nicht erst entstehen zu lassen.

Die „Nationale Dekade der Prävention von Postinfektiösen Erkrankungen“ muss deshalb neben dem Einsatz verfügbarer Impfstoffe und Medikamente ausdrücklich eine Forschungs- und Umsetzungsstrategie für bessere Innenraumluft umfassen. Dazu gehören Standards für Lüftung, Filtration, Kühlung sowie deren Umsetzung in der Praxis. Die wissenschaftliche Auswertung ermöglicht weitere Optimierung. Expertise aus Aerosolforschung, Ingenieurwissenschaften, Gebäudetechnik, Arbeitsmedizin, Epidemiologie und Infektionsmedizin muss dabei systematisch kombiniert werden.

Die Leopoldina hat mit ihrer Stellungnahme die Prävention in den Mittelpunkt gerückt. Der nächste Schritt ist, sie dort beginnen zu lassen, wo Infektionsketten entstehen: wenn Menschen dem Erreger ausgesetzt sind. Das WHN bringt sich dabei gerne ein und würde sich über einen Gesprächstermin freuen.

Mit freundlichen Grüßen

World Health Network (WHN)

und 

Prof. Dr. Rolf Marschalek

Inst. Pharm. Biologie

Goethe-Universität Frankfurt

Unterstützer:

DAGL – Deutsche Arbeitsgemeinschaft für Lufthygiene e.V. https://dagl.de/

SafeAir e.V. – Fachgesellschaft für Lufthygiene & Infektionsschutz Deutschland https://safeairdocs.de/

Initiative #ProtectTheKids https://luftfilterjetzt.de/

Piratenpartei Schleswig-Holstein https://landesportal.piratenpartei-sh.de/

Last reviewed on October 26, 2026

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