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Schreiben an die DEGAM zu öffentlichen Aussagen von Dr. Hans-Otto Wagner über COVID-19 und Long COVID

DEGAM

Prof. Dr. med. Eva Hummers, Präsidentin

eva.hummers@med.uni-goettingen.de 

Betreff: Öffentliche Äußerungen eines DEGAM-Mitglieds zu COVID-19 – Bitte um Stellungnahme

Sehr geehrte Frau Prof. Dr. Hummers,

Das World Health Network Deutschland setzt sich für evidenzbasierte Gesundheitspolitik und verlässliche Gesundheitskommunikation in der Öffentlichkeit ein. In diesem Sinne wenden wir uns an Sie mit einem Anliegen, das aus unserer Sicht sowohl die Außenwahrnehmung der DEGAM als auch das öffentliche Vertrauen in wissenschaftsorientierte Medizin berührt.

Ein Mitglied Ihrer Fachgesellschaft – Dr. Hans-Otto Wagner – nennt die DEGAM in seinem X-Profil. Für Follower und die breite Öffentlichkeit schafft dies eine Assoziation zwischen seinen Äußerungen und Ihrer Institution. In dieser Wahrnehmung veröffentlicht er Kommentare zu COVID-19, die seine persönliche Meinung darstellen und dabei von der gesicherten Evidenzlage abweichen:

03.06.2026: „Corona ist vorbei …“ Diese Aussage ist falsch. Aus dem Abwassermonitoring des RKI geht klar hervor, dass die jüngste COVID-19-Welle von August 2025 bis Februar 2026 dauerte. Auch die Meldedaten zeigen eine weiterhin erhebliche Krankheitslast: Von der 40. Meldewoche 2025 bis zur 16. Meldewoche 2026 wurden dem RKI 114.429 labordiagnostisch bestätigte SARS-CoV-2-Infektionen übermittelt. Bei 42.181 dieser Fälle – rund 37 Prozent – war eine Hospitalisierung angegeben (https://influenza.rki.de/Wochenberichte/2025_2026/2026-16.pdf).

05.06.2026: “’Risiko für Long-COVID-Symptome vor allem durch gesundheitliche Vorbelastungen und soziodemografische Faktoren’ spricht für psychogene (Mit)-Genese.” Das Zitat stammt aus der Bestandsaufnahme des RKI vom Februar 2026: https://www.rki.de/DE/Aktuelles/Publikationen/Journal-of-Health-Monitoring/GBEDownloadsJ/Focus/JHealthMonit_2026_11_02_Long_COVID.html
Screenshots der Posts finden Sie im Anhang.

Soziodemografische Risikofaktoren beschreiben, wer mit erhöhter Wahrscheinlichkeit erkrankt – nicht durch welchen Mechanismus. Das gilt für Herzerkrankungen und Tuberkulose ebenso wie für Long COVID. Niemand käme deshalb auf die Idee, diese Erkrankungen als psychogen zu bezeichnen.

Für mehrere biologische Mechanismen liegen inzwischen belastbare Hinweise vor. Das RKI nennt unter anderem Viruspersistenz, fehlgeleitete immunologische Prozesse und endotheliale Dysfunktion als mögliche beziehungsweise durch Hinweise gestützte Mechanismen. Soziodemografische Faktoren können das Erkrankungsrisiko und den Krankheitsverlauf unter anderem über Unterschiede bei Exposition, Ressourcen, Erholungsmöglichkeiten und Versorgungszugang beeinflussen. 

Daraus lassen sich unter anderem Forderungen nach besserem Zugang zu Diagnostik und Rehabilitation, Beschäftigungsschutz und der Anpassung von Arbeitsbedingungen ableiten. 

Die Äußerungen von Dr. Wagner sind aus zwei Gründen problematisch:

Erstens verunsichern sie eine Öffentlichkeit, die von Fachärztinnen und Fachärzten verlässliche Orientierung erwartet. Zweitens schaden sie dem Ansehen der DEGAM – weil sie mit dem Gewicht wissenschaftlicher beziehungsweise fachlicher Autorität vorgetragen werden, ohne der verfügbaren Evidenz standzuhalten.

Besonders kritisch sehen wir die öffentliche Positionierung von Dr. Hans-Otto Wagner vor dem Hintergrund seiner Rolle als Mitautor der bis zum 31. Mai 2026 gültigen, im AWMF-Register geführten interdisziplinären S1-Leitlinie ‚Long/Post-COVID‘, an der die DEGAM beteiligt war. Aufgrund dieser exponierten Funktion wird er von vielen Ärztinnen und Ärzten sowie von Betroffenen als fachliche Autorität wahrgenommen. Seine öffentlichen Aussagen haben daher das Potenzial, die medizinische Versorgung, die Wahrnehmung der Erkrankung und den Umgang mit Betroffenen maßgeblich zu beeinflussen.

Wenn ein Leitlinienautor aus dem Vorliegen soziodemografischer Risikofaktoren auf eine psychogene (Mit-)Genese von Long COVID schließt, entsteht der Eindruck, dass persönliche Überzeugungen über den aktuellen Stand der Forschung gestellt werden. Für die Betroffenen ist dies besonders problematisch, da solche Aussagen zur Bagatellisierung ihrer Erkrankung beitragen, Stigmatisierung verstärken und eine adäquate medizinische Versorgung erschweren können.

Wir erwarten von einer wissenschaftlichen Fachgesellschaft und ihren Repräsentierenden eine Orientierung am aktuellen Stand der internationalen Evidenz. Die in den vergangenen Jahren veröffentlichten Arbeiten zu Immunfehlregulation, viraler Persistenz, endothelialen und vaskulären Veränderungen sowie weiteren objektivierbaren pathophysiologischen Befunden belegen eine Vielzahl biologischer Veränderungen bei Long COVID. Vor diesem Hintergrund erscheint die aus soziodemografischen Risikofaktoren abgeleitete Annahme einer psychogenen (Mit-)Genese wissenschaftlich nicht hinreichend begründet. 

Personen in fachöffentlichen Positionen tragen besondere Verantwortung für die Wirkung ihrer Kommunikation. Wir bitten die DEGAM daher zu prüfen, ob ein internes Gespräch oder eine Klarstellung zu den Grundsätzen wissenschaftlicher Kommunikation angemessen wäre.

Ergänzend zur Übersichtsarbeit des Robert Koch-Instituts stützen auch internationale Forschungsergebnisse diese biologischen Befunde. Als weitere Quelle verweisen wir auf die Zusammenfassung des PolyBio Spring Symposiums 2026. PolyBio ist eine international vernetzte Forschungsstiftung, die gezielt Forschung zu Long COVID fördert und zahlreiche akademische Arbeitsgruppen weltweit koordiniert. Das regelmäßig im Frühjahr und Herbst stattfindende PolyBio-Symposium bringt international tätige Forschungsgruppen zusammen, die zu Pathomechanismen, Biomarkern und Therapieansätzen bei Long COVID arbeiten. Die dort vorgestellten Arbeiten geben Einblick in aktuelle, zum Teil noch laufende Forschungsprojekte und beschreiben eine Vielzahl somatischer Veränderungen und untersuchter biologischer Mechanismen (https://2026-spring-symposium-polybio.netlify.app/#buggert-gut, https://polybio.org/2026-spring-symposium/).

Wir hätten Dr. Wagner gerne eine Kopie dieses Schreibens per E-Mail zukommen lassen, konnten jedoch keine E-Mail-Adresse ausfindig machen, und bitten Sie daher, ihm dieses Schreiben weiterzuleiten.

Wir bitten die DEGAM um eine schriftliche Stellungnahme zu den dargelegten Punkten. Uns interessiert dabei insbesondere, wie die Fachgesellschaft mit öffentlichen Äußerungen von Mitgliedern umgeht, die im Widerspruch zur verfügbaren wissenschaftlichen Evidenz stehen – und welche Mechanismen bestehen, um die Qualität der Wissenschaftskommunikation gerade bei Personen in leitliniengebenden Funktionen zu gewährleisten. Wir bitten um Ihre Rückmeldung bis zum 1. Oktober 2026. 

Mit freundlichen Grüßen

WHN Deutschland

Last reviewed on August 12, 2026

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